Leidenschaft für den Glockenklang




Imposantes Geläut: die Luther-Glocke der Speyerer Gedächtniskirche.

Imposantes Geläut: die Luther-Glocke der Speyerer Gedächtniskirche.

Er war mit ganzem Herzen Kurpfälzer, ein begabter Prediger und Seelsorger.

Die Nationalsozialisten und seine Landeskirche trieben ihn ins Elsass. In der evangelisch-lutherischen Landeskirche fand er eine neue Heimat.

Nach seiner Rückkehr 1945 galt Theo Fehns Wirken dem Aufbau der Glocken in der Pfalz.

 

Kompromisse waren dem gebürtigen Speyerer fremd. Wenn Theo Fehn von etwas überzeugt war, dann setzte er sich auch dafür ein. Im Speziellen galt das für die Qualität der neu aufzubauenden Geläute. Nachdem im Zweiten Weltkrieg die meisten Glocken eingeschmolzen wurden, um Waffen herzustellen, kämpfte der damalige Glockensachverständige der Protestantischen Landeskirche der Pfalz mit ganzem Herzen für Geläute, die seinen Ansprüchen gerecht wurden. Aus dieser Zeit ist folgendes Zitat von ihm überliefert: „Ich werde niemals meine Hand dafür bieten, dass unsere Türme mit klanglichen Missgeburten bevölkert werden. Woher diese stammen, ist vom glockenmusikalischen Standpunkt aus unerheblich. (…) Die Glockenmusik ist der einzige Gesichtspunkt, von dem ich mich leiten lassen kann.“

 

Fehn, über den das Bonmot kursierte, dass er selbst Flöhe in Dur und Moll husten hört, hatte zu diesem Zeitpunkt schon einiges erlebt. Nach seinem Abitur in der Heimatstadt Speyer, dem abgeschlossenen Studium und dem Eintritt in den Dienst der Landeskirche fiel der Protestant seinen Vorgesetzten schnell auf. Allerdings nicht immer unbedingt positiv, wie sich die Witwe des 1984 gestorbenen Pfälzers erinnert: „Mein Mann war bei der Speyerer Kirchenregierung eine persona non grata“, erzählt Gertrud Fehn. Der Grund dafür liegt in Fehns Verhalten. Der aufrechte Seelsorger ließ sich den Mund nicht verbieten, predigte engagiert gegen den Nationalsozialismus und äußerte sich, wenn nötig öffentlich. Auf Unterstützung durch die Landeskirche musste er dabei verzichten.

 

Es kam, wie es kommen musste: 1942 flüchtet Fehn ins Elsass, nach Wissembourg, und tritt dort als Stadtpfarrer in den Dienst der elsässischen Landeskirche ein, für die er auch erstmals als Orgel- und Glockensachverständiger arbeitet. Aufgewachsen mit dem Geläute des Speyerer Doms und der Gedächtniskirche, war Fehn früh mit dem Glockenvirus infiziert, schon als Kind kannte er die Kirchenglocken seiner Heimatstadt und ihre Töne. Der Musiker und Autodidakt – das Orgelspiel brachte er sich ebenso selbst bei wie das Klavier spielen – kooperierte in dieser Zeit mit seinem katholischen Kollegen in Straßburg. Dieser hatte im Gegensatz zu Fehn nämlich einen Stimmgabelsatz: wichtiges Werkzeug für einen Glockenbeauftragten.

 

Die unkomplizierte Zusammenarbeit mit dem Kollegen über Konfessionsgrenzen hinweg war für den protestantischen Pfarrer selbstverständlich. Er hatte katholische wie evangelische Freunde, und der Dom lag ihm genauso am Herzen wie die Gedächtniskirche.

 

Dem Engagement Fehns ist es mit zu verdanken, dass die Domglocken im Krieg nicht eingeschmolzen wurden. Er verwies darauf, dass es nie wieder möglich sei, ähnliche Glocken zu gießen, da die Glockengießerei Lindemann aus Zweibrücken ein Geheimnis um deren Herstellung gemacht habe. So wusste niemand wie die Handwerker es schafften, dass das Domgeläute so leicht ist und dennoch einen vollen Klang hat.

 

1945 musste Fehn samt seiner Familie wieder aus dem Elsass fliehen. Es ging in die alte Heimat: Speyer. Die Kirchenregierung verbot ihm anfangs zu predigen, selbst das Orgelspiel war ihm untersagt. Lediglich in der katholischen Pfarrei St. Josef spielte der protestantische Pfarrer an der Orgel.

 

Später nahm ihn die Protestantische Landeskirche wieder in den Dienst und versetzte ihn 1948 von Speyer nach Tiefenthal, wo er lediglich 300 Seelen zu betreuen hatte – für Fehn nicht gerade ein Zeichen der Wertschätzung. Als kleines Trostpflaster wurde er zum Glockensachverständigen ernannt. Und damit bekam der Theologe und Musiker die Chance, seine Passion auszuleben.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg boten sich ihm einmalige Möglichkeiten, der pfälzischen und saarpfälzischen Glockenlandschaft seinen Stempel aufzudrücken. Ihm war daran gelegen, dass nicht alle Glocken in allen Dörfern gleich klingen. Stattdessen arrangierte er vielfältige Dispositionen und schuf so im Gebiet der Landeskirche eine abwechslungsreiche Glockenlandschaft. Es gibt kaum ein Geläute in der Region, das nicht von der Arbeit Fehns profitiert hat.

 

Besonders in Erinnerung sind seine Verdienste um die Neustadter Stiftskirche und die Gedächtniskirche in Speyer. Das Neustadter Geläute war umstritten. Der dortige Dekan wollte eine mächtige Kaiserglocke, die an Ruprecht von der Pfalz, den einzigen deutschen Kaiser aus pfälzischem Geschlecht, erinnern sollte. Fehn sprach sich für ein kleineres Bronzegeläute aus, hatte jedoch keine Chance und änderte lediglich die Disposition. Statt einer d‘-Glocke setzte er eine c‘-Glocke durch. Im Gutachten zu dem Geläute bewertete er die Kaiserglocke, die mit einem Durchmesser von 321 Zentimetern als größte Gussstahlglocke der Welt gilt, dennoch als „ein meisterliches Werk der Stahlgießerkunst“.

 

Im Falle der Gedächtniskirche sprach sich Fehn, der zeitlebens mit den Folgen einer Kinderlähmung zu kämpfen hatte, für ein komplett neues Geläute aus. Die Grundglocke wurde im Krieg zerstört, und seiner Ansicht nach machte es keinen Sinn, diese durch eine ähnliche zu ersetzen. Stattdessen setzte er gegen erheblichen Widerstand, auch aus den Reihen der Kirche, durch, dass das Material der erhaltenen, kleineren Glocken genutzt wurde, um ein neues Geläute zu erschaffen.

 

Diesem Geläute galt Theo Fehns ganzer Stolz. Es ist abgestimmt auf die Glocken des Doms und der anderen Speyerer Kirche. Bei seiner Trauerfeier, 1984, erklangen diese Glocken zum letzten Geleit.

von Andreas Ganter